Ansprechpartner und Sprachrohr

Betreuer von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Oberhavel tauschen sich aus

Von Klaus D. GROTE

Oranienburg (OGA) | 109 minderjährige Flüchtlinge leben im Kreis Oberhavel. Die meisten sind in Heimen mitten im Wald in Zootzen und Briese untergebracht, einige in Gastfamilien. Über die Probleme bei der Integration wurde kürzlich im Kreistagssaal diskutiert.

Um 5 Uhr stehen die 15 bis 18 Jahre alten jungen Männer auf, damit sie pünktlich den Bus erreichen, der sie vom Waldhof Zootzen zur Schule nach Zehdenick bringt. Erst um 17.30 Uhr sind sie zurück. Abends machen einige von ihnen Sport in Vereinen in Fürstenberg. „Da bleibt nicht viel Zeit übrig, um etwas gemeinsam zu unternehmen“, sagt Lea Gerber, Psychologin bei der Jugendhilfe des Evangelischen Johannesstifts, der den Waldhof betreut. Und natürlich hätten viele junge Flüchtlinge Probleme mit der Lage im Wald. „Sie sind genervt. Am Anfang ist das für alle ein Schock“, sagt Lea Gerber.

Von Anfang an beklagten auch die Willkommens-Initiativen die abgelegene Lage. Bis heute befürchten sie Isolation, weil das Wegkommen immer nur mit hohem Aufwand verbunden ist und selbst andere Flüchtlinge kaum den Weg in den Waldhof wagen.

Im Vergleich zur Unterbringung in einer großen Stadt biete die Lage im Wald aber auch einen guten Schutzraum. Letztlich bliebe angesichts der angespannten Wohnungssituation im Kreis als Alternative nur die Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft zusammen mit erwachsenen Flüchtlingen. Es sei aber wichtig, die jungen Flüchtlinge zu betreuen und zu begleiten, sagte Lea Gerber und beschreibt die Stresssituation vor der Anhörung beim Bundesamt für Integration, das über den Asylantrag entscheidet. Bei einem negativen Bescheid müssten die Jugendlichen aufgefangen werden, sagt die Psychologin. Sie haben mit Einverständnis der Eltern, die ihnen ein besseres Leben ermöglichen wollten, die schwierige Flucht in ein fremdes Land auf sich genommen, das sie aber ablehnt.

Immerhin habe sich die Betreuungssituation seit 2015 verbessert, hieß es wiederholt. Der Fachbereich Jugend der Kreisverwaltung stand 2015 vor einer neuen Herausforderung. „Wir hatten keine Erfahrung, aber wir mussten eine Pflichtaufgabe erfüllen“, sagte Ramona Nitschke, Leiterin des Fachdienstes sozialpädagogische Dienste in der Kreisverwaltung. Ihr Kollege Robert Wolf erläuterte die Schwierigkeiten bei der Aufnahme jugendlicher Flüchtlinge. Denn seit November 2015 gilt ein Gesetz zur besseren Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Die Standards seien besser als für Erwachsene. „Und die Standards kann man nicht absenken“, sagte Wolf.

Inzwischen hat sich die Situation entspannt. Im Waldhof sind aktuell 32 von 36 Plätzen belegt. In Briese sind es acht von elf Plätzen. Insgesamt 109 jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung leben derzeit in Oberhavel. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea. Die Anerkennungsquote als Asylsuchende liegt für Menschen aus diesen Ländern am höchsten. Dennoch kam es auch in der vergangenen Woche und am Montag wieder zur Sammelabschiebung von München nach Afghanistan.

Die Zukunft der Minderjährigen war ein wichtiges Thema für die Diskussionsteilnehmer. Denn die meisten der Betreuten erreichen bald das Erwachsenenalter, ab 21 Jahren ist die Jugendhilfe nicht mehr zuständig. Auch deshalb seien Gastfamilien und Patenschaften, die eine Betreuung bis ins Erwachsenenalter hinein ermöglichen, wichtig, sagte Robert Wolf. Und er sprach einen Appell aus: „Lassen Sie uns mit vereinten Kräften etwas tun, um Integration erleichtern zu können.“ So viele minderjährige Flüchtlinge seien es ja gar nicht.

Allerdings könnte die Integration deutlich schwieriger werden. Die Organisation „Pro Asyl“ berichtete vergangene Woche von einer geplanten Gesetzesänderung. Demnächst entscheide künftig die Bundespolizei, wo minderjährige Flüchtlinge untergebracht werden – im Normalfall in den Gemeinschaftsunterkünften, zusammen mit Erwachsenen. Die mühsam aufgebauten Strukturen in Oberhavel wären damit obsolet.

Dabei gab es Lob für den Landkreis, der neben Münster, Lübeck und dem Landkreis Pinneberg Modellregion für das Bundesprojekt „Gastfamilien, Vormundschaften, Patenschaften“ ist. Detlef Busche, Rentner aus Bremen, ehrenamtlicher Vormund und früher in der Jugendhilfe tätig, lobte die „produktive, professionelle und pragmatische Arbeit“ in Oberhavel.

Von den betreuten Jugendlichen ist aber durchaus auch Kritik an den Betreuern und gesetzlichen Vormundschaften zu hören. Der Betreuer im Heim sei selten zu sprechen und kümmere sich nicht, klagt ein minderjähriger Flüchtling. Ein anderer klagt über den mangelnden Einsatz seines Vormunds vom Jugendamt. Er habe daher statt einer dreijährigen nur eine einjährige Aufenthaltserlaubnis bekommen. „Wir kennen mindestens zwei Fälle, bei denen die erforderliche Klage gegen einen subsidiären Schutz nicht vom Amtsvormund eingereicht wurde“, sagte Kathrin Willemsen vom Unterstützerkreis Oranienburg. In einem Fall habe dies an einer Überlastung der Bearbeiterinnen gelegen.

Grundsätzlich lobte Kathrin Willemsen die Arbeit des Jugendamtes. Die Betreuung bis zum 21. Lebensjahr sei besonders positiv zu bewerten. Hervorgehoben wurde umgekehrt die Bedeutung der Willkommens-Initiativen. Diese müssten mehr unterstützt werden, sagte Juliane Lang vom Kreisjugendring. „Sie sind die Experten, aber oft fehlt ihnen das Sprachrohr.“

Voraussetzungen für einen Vormund

  • Volljährigkeit und Geschäftsfähigkeit sind die formellen Voraussetzungen für eine Vormundschaft. Das zuständige Amtsgericht entscheidet im Einzelfall. Bei minderjährigen Flüchtlingen wird in den meisten Fällen das Jugendamt als Vormund bestellt. Dort ist dann ein Mitarbeiter Vormund für mehrere Jugendliche. Es gibt aber auch die Idee, diese Aufgabe an Sozialvereine zu übertragen.
  • Der Vormund muss die Interessen des Kindes vollumfänglich vertreten, Schaden aller Art abwenden und die bestmöglichen Bedingungen für dessen Entwicklung sichern, heißt es offiziell.
  • Im Alltag bedeutet das: Entscheidungen zur Schulwahl, über Arztbesuche und Impfungen sowie bei Flüchtlingen beispielsweise die Unterstützung im Asylverfahren und nötigenfalls Klagen einzureichen. Allerdings kritisieren Willkommens-Initiativen, dass es kaum Prozesshilfe gibt und Vormünder sich darum keinen Anwalt leisten.
  • Ehrenamtliche Vormünder werden auf ihre Aufgabe vorbereitet. Dafür gibt es Schulungsprogramme. Die Kreisverwaltung hält auch eine Patenschaft für eine gute Vorbereitung für die Tätigkeit als Vormund.
  • Zuständig ist das Jugendamt auch für minderjährige Flüchtlinge, die mit den Eltern gekommen sind. (kd)

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